Vom Lächeln zur Freude oder „Wann ist wieder Montag, Mama?“ – Unser Weg zur Freien Waldorfschule Karben und einem entspannten und glücklichen Schulkind – von Manuela Konze

„In Karben wird eine Waldorfschule eröffnen.“ Diese Nachricht war lange Zeit für uns Eltern einer

Tochter ohne bisherige Kontakte zum Waldorfkindergarten in Bad Vilbel ein Phantom, was ab und an

durch die Presse geisterte und hier und da am Rande von uns wahrgenommen wurde. Nachdem

unsere Tochter erste Erfahrungen mit einer staatlichen Schule gemacht hatte, wurde uns Eltern

ziemlich bald klar, dass wir uns nach anderen pädagogischen Konzepten und Strategien umschauen

sollten.

Bei einem Informationsabend und pädagogischen Vortrag auf dem Dottenfelderhof lernte ich zwei

Gründungsmitglieder der neuen Schulinitiative kennen und trat mit ihnen in einen sehr interessanten

Austausch. Die Berichte zur geplanten Schule klangen lebensnaher und für Kinder umsetzbarer. Mein

Mann und ich überlegten nicht lange und wir meldeten unsere Tochter auf der Warteliste der Schule

an. Seitdem suchten wir immer wieder Kontakt zum Verein als zukünftigen Schulträger.

Im Juni 2025 gab es den ersten Elternabend der neuen Schule. Wir Eltern der Gründungsklasse saßen

noch ohne Licht im zukünftigen Klassenraum unserer Kinder und lernten uns gegenseitig, einige

Mitglieder des Gründungskreises und unsere neue Klassenlehrerin Gitana Schmidt kennen. Der

Startschuss einer wertvollen und lebendigen Schulgemeinde war gegeben.

Alles sah nach Anfang aus und nach viel Potential zum Gestalten. Wenige Wochen später fand die

erste gemeinsame Gartenaktion mit den Familien der ersten Klasse statt. Die Kinder nahmen zum

ersten Mal Kontakt miteinander auf, wieder entstanden Kontakte und die Gemeinschaft wuchs erneut.

Seitdem ist viel passiert. Nach der sehr stimmungsvollen und feierlichen Einschulung der ersten

sieben Schülerinnen und Schüler, die durch den liebevoll gestalteten Blumenbogen in ihre neue Schule

liefen, ist eine an der Lebenswelt der Kinder orientierte Bildungseinrichtung entstanden. Sie wird

geprägt durch handlungsorientierte Pädagogik, Vielfalt, Inklusion und Interkulturalität.

Bis zu den Herbstferien standen neben der ersten Zeichenepoche vor allem die Bildung der

Klassengemeinschaft und die Erkundung des neuen Geländes im Vordergrund. Kinder, Lehrkräfte,

Eltern und der Verein als Träger stehen seitdem in einem engen und sehr lebendigen Kontakt, um die

neue Schule zu gestalten.

Das handlungspädagogische Konzept der Schule ist an die Bedürfnisse der Kinder angepasst. Es

vergeht kaum ein Tag, an dem unsere Tochter nicht glücklich nach Hause kommt und begeistert

erzählt, was sie Neues gelernt hat. Der Unterrichtstag ist geprägt von einem abwechslungsreichen

Stundenplan, der die Unterrichtsinhalte des hessischen Lehrplans vollumfänglich aufgreift und

gleichzeitig den Kindern Zeit gibt sich in ihrem individuellen Tempo zu entwickeln, die Natur in ihrem

ständigen Wandel zu erleben und Neues zu erfahren. So legten die engagierten Lehrkräfte und Kinder

gemeinsam im Fach Gartenbau neue Beete und Hochbeete an und bepflanzen sie aktuell. In Englisch

lernen die Kinder spielerisch und ohne Leistungsdruck die Faszination einer neuen Sprache kennen.

Mittwochs steht Eurhythmie auf dem Stundenplan und unsere Tochter bringt jede Woche neue

Eindrücke mit, die sie uns beispielsweise durch Bewegungen darstellt. In ihrem ersten Schuljahr

haben die Kinder im Fach Handarbeit Stricken gelernt. Abgerundet wird die Woche durch Kunst und

Spielturnen, bei dem die Kinder wieder neue Facetten und Ressourcen an sich entdecken. Um die

Entwicklungen in der Natur begreifbar zu erleben, finden regelmäßige Waldtage statt, an denen die

Kinder und das pädagogische Team immer wieder neue Veränderungen, wie beispielsweise kleine

Kaulquappen, die sich bald zu Fröschen entwickeln werden, entdecken. Außerdem besteht eine

Verbindung zum Dottenfelderhof. So nahmen die Kinder bereits an einer Veranstaltung des

Schulbauernhofs teil.

Das Besondere dieses pädagogischen Konzeptes liegt in der Rhythmisierung und Struktur, die sich

sowohl während des Schultages als auch der Woche und des Schuljahres wiederfindet. Die Kinder

erleben einen Wechsel zwischen viel Bewegung an der frischen Luft auf dem Außengelände sowie den

umliegenden Feldern, einem intensiven Unterricht in einem warmherzigen und liebevoll gestalteten

Klassenraum mit vielen lebendigen lebensnahen Inhalten und gemeinsamen Mahlzeiten sowohl

während der Unterrichtszeit als auch in der Nachschulbetreuung. Das Frühstück bringt jedes Kind

selbst mit. Das leckere Mittagessen wird von der Lehrküche des, sich in der Nachbarschaft

befindenden Berufsbildungswerks Südhessen, gekocht und geliefert.

Auch das Vorbereiten auf christliche Feste im Jahreskreis wird intensiv und der kindlichen Welt

entsprechend begleitet. So feierten die Kinder wenige Wochen nach der Einschulung das Michaeli-Fest

mit einem selbstgestalteten Drachen aus luftgetrocknetem Ton, Hefe-Schwertern und einem Feuer.

Das Martinsfest wurde mit, von den Kindern stimmungsvoll gestalteten, Laternen bei einem Umzug

durch den Vilbeler Wald und anschließendem Feuer gemeinsam mit zwei Gruppen des

Waldorfkindergartens Bad Vilbel gefeiert. Am sechsten Dezember klopfte es plötzlich an der Tür des

Klassenraums und ein großer Sack mit vielen Leckereien stand für die Kinder davor, der Nikolaus hatte

sich unbemerkt in die Schule geschlichen. In den Tagen vor den Weihnachtsferien fokussierte sich der

handlungsorientierte Unterricht auf die Vorbereitung der Festtage. Es wurde kreativ gestaltet, Kerzen

auf dem Dottenfelderhof gezogen und sich auf die besinnliche und atmosphärische Zeit eingestimmt.

Am letzten Schultag vor den Ferien feierten die Schulkinder, das pädagogische Team und die Eltern bei

einem stimmungsvollen Frühstück gemeinsam den Advent und das bevorstehende Weihnachtsfest. In

der Faschingszeit wurde es bunt. Bei der Faschingsfeier durften die Kinder als Märchenfiguren

verkleidet in die Schule kommen, da im ersten Schuljahr der thematische Schwerpunkt auf den

Märchen liegt, die die Erstklässler im Laufe des Jahres zum Ende eines jeden Unterrichtstages erzählt

bekommen. In der Osterzeit, die gleichzeitig den Frühling einläutete, wurden u.a. Ostergras gesät, Eier

bemalt, gefärbt und ein Hase gefilzt. Zum Abschluss des ersten Schuljahres der neugegründeten

Schule wird Ende Juni gemeinsam in der Schulgemeinde das Johannifest gefeiert werden, um nach

den Ferien mit neuen Erstklässlern und dann Zweitklässlern und dem pädagogischen Team wieder zu

starten.

Im Laufe des Schuljahres ist die Klasse gewachsen und hat sich in ihre Schülerzahl fast verdoppelt. So

blicken wir auf eine spannende Weitergestaltung der Freien Waldorfschule Karben mit ihrem bald neuen

Schulgebäude mit herrlichem Taunusblick. Aus dem einstigen Phantom ist ein wundervoller Ort für

Schulkinder entstanden.