„Wie die Sterne heute zu den Menschen sprechen – Inspirationen werden zu Taten und eine neue Schule öffnet ihre Türen“ von Christa Mülverstedt, Mitglied der Gründungsinitiative, Visionärin und Waldorferzieherin

Es mag vielleicht schon 10 Jahre her sein, als sich eine zarte Sternenstimme in mein Ohr schlich.

Sie wanderte weiter in meinen Kopf und noch weiter bis in mein Herz hinein. Sie sprach:

„Hallo, nun arbeitest Du schon so lange im Kindergarten. Gemeinsam mit Deinen Kolleginnen

begleitet ihr die Kinder ein Stück auf ihrem Entwicklungsweg. Immer wieder aufs Neue fragt ihr

Euch: Kinder, was braucht ihr von uns? Was müssen wir tun, damit ihr euer ganzes Leben gut

meistern könnt?“

Und die Stimme in mir sprach weiter: „Ihr merkt doch, dass sich alles um euch herum in einer

Schnelligkeit verändert, wie sie noch nie da gewesen ist. Im Kindergarten könnt ihr

verantwortungsvoll gestalten, aber was erwartet die Kinder, wenn sie den größten Übergang in

ihrem Leben vor sich haben? Wenn sie in die Schule kommen? Welchen Lernort wünscht ihr euch

für die Kinder? Wir Sterne stehen schon unzählige Jahre am Himmel, haben alles Gewesene schon

gesehen und wissen sogar, was die Zukunft bringen wird. Die Kinder brauchen heute nötiger denn

je Menschen, die für sie um eine menschengemäße Umgebung kämpfen.

Macht Euch auf den Weg, bleibt mit Euren Gedanken, Fragen und Ideen nicht nur im Kindergarten,

sondern geht den Übergang in die Schule innerlich gemeinsam mit den Kindern und schafft

gemeinsam mit Eltern und der Lehrerschaft einen neuen Lernort für sie.“

So sprach die mittlerweile ziemlich laut gewordenen Sternenstimme beharrlich zu mir.

In dieser Zeit kam ich auf dem Weg zum Kindergarten jeden Morgen an einem leer gewordenen

Schulgebäude ganz in der Nähe unseres Kindergartens vorbei. Und plötzlich kam mir die Idee, dass

hier der Ort sein könnte, an dem eine neue Schule mit neuen Impulsen entstehen und sich

entwickeln könnte.

Eine Schule in der Nähe von Feld, Wald und Flur, mit Streuobstwiesen und viel Platz, wo „die

Menschen fröhlich zusammen arbeiten, singen, tanzen lachen und leben können“.

Jetzt war es an der Zeit, dass ich über meine Ideen mit anderen Menschen sprechen musste.

Kurze Zeit später kam Maike Lübbert auf mich zu und erzählte mir begeistert von einem Vortrag

über das Konzept der Handlungspädagogik in Schulen. Wir kamen darüber ins Gespräch und

merkten, dass wir ähnliche Gedanken und Ideen hatten. Wir waren darüber begeistert, dass

tatsächlich schon ein Konzept in einigen Schulen erprobt wurde, in dem wir unsere Ideen wieder

fanden.

Im Sommer 2018 trafen wir uns zu einem ersten Planungstreffen und machten uns konkreter Gedanken

darüber, wie wir beginnen könnten.

An einem Sommerabend 2018 nahmen wir uns, losgelöst von strukturellen und wirtschaftlichen

Zwängen, zunächst die völlige Freiheit, all das zu sammeln, was wir uns für die Kinder wünschen.

Wir schrieben alle unsere Wünsche, Ideen und Vorstellungen auf Papier. Jetzt war der Zeitpunkt

gekommen, an dem wir unsere Gedanken sichtbar gemacht hatten, damit sie zu Taten werden

konnten. Für mich war es ein ganz besonderer und entscheidender Moment.

Nun konnten wir weitere Menschen ansprechen und sie für unsere Ideen begeistern. Denn für solch

ein großes Vorhaben braucht es viele Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen und

Fähigkeiten. Wir luden Peter Guttenhöfer ein, der mit uns gemeinsam an dem, von ihm begründeten

handlungspädagogischen Konzept, arbeitete. Er begleitete uns eine Weile auf dem Weg in die

Realität und gab uns viele wertvolle Impulse.

Es dauert nicht lange, bis sich der Kreis vergrößerte, und wir uns den Namen

„Schulgründungsinitiative“ gaben. Es bildeten sich verschiedenen Gruppen, die pädagogische,

organisatorische, wirtschaftliche, strukturelle und juristische Themen bearbeiteten. Die „große

visionäre Freiheit“ trugen wir als kostbaren Schatz in uns. Er lenkte und beflügelte und gab uns die

Kraft, uns Schritt für Schritt weiter in der Realität zu verhaften. In allen Bereichen hatten wir es mit

zunehmenden Vorgaben von Außen zu tun. Wir mussten uns auf die Suche nach Lehrern und

Lehrerinnen machen. Wir brauchten eine staatliche Schulgenehmigung, also musste unser Konzept

so geschrieben sein, dass es anerkannt wurde. Wir suchten das passende Schulgelände, also mussten

wir die Gespräche mit den jeweiligen Verantwortlichen suchen. Wir brauchten eine solide, tragfähige

Finanzierung, also mussten wir bestimmte wirtschaftliche Bedingungen akzeptieren.

Je weiter die Zeit voranschritt, desto konkreter wurden alle Vorstellungen:

Wir fanden das passende Grundstück und einen Architekten, der gemeinsam mit uns Pläne für das

zukünftige Schulgebäude entwarf. Die Waldorfschule in Frankfurt stellte uns die passenden

Schulcontainer zur Verfügung, die auf dem Gelände aufgestellt wurden. Das entworfene

Schulkonzept wurde dem Schulamt vorgestellt. Gespräche mit Banken und Stiftungen führten zu

konkreten Finanzierungsgrundlagen. Mit vielen Infoveranstaltungen machten wir auf uns und

unsere Arbeit aufmerksam. Viele Eltern, die nach neuen Schulkonzepten für ihre Kinder suchten,

kamen auf uns zu und meldeten ihre Kinder an.

Nur mit der Lehrersuche kamen wir nicht so recht weiter. Viele Menschen hatten an unserem

Konzept großes Interesse. Sie kamen, stellten sich vor, arbeiteten eine Zeit mit uns zusammen und

verließen uns dann wieder. Es war eine lange Durststrecke für uns. Wir konnten uns vieles

wünschen und planen, aber ohne Lehrer und Lehrerinnen, die den pädagogischen Raum

verantwortlich gestalten und ausfüllen mussten, blieben unsere Planungen teilweise visionär.

Und ganz plötzlich war sie da: Die zukünftige erste Klassenlehrerin! Jetzt kam endlich Land in

Sicht. Mit viel Engagement suchte die Personaldelegation weitere Lehrkräfte, damit ein kleines

Lehrerkollegium nach den Sommerferien 2025 mit den ersten Kindern starten konnte.

Am 23. August 2025 wurden, im Rahmen einer kleinen Einschulungsfeier, die ersten sieben Kinder der

neuen Freien Waldorfschule in Karben eingeschult.

Es war ein ergreifendes Erlebnis.