Es mag vielleicht schon 10 Jahre her sein, als sich eine zarte Sternenstimme in mein Ohr schlich.
Sie wanderte weiter in meinen Kopf und noch weiter bis in mein Herz hinein. Sie sprach:
„Hallo, nun arbeitest Du schon so lange im Kindergarten. Gemeinsam mit Deinen Kolleginnen
begleitet ihr die Kinder ein Stück auf ihrem Entwicklungsweg. Immer wieder aufs Neue fragt ihr
Euch: Kinder, was braucht ihr von uns? Was müssen wir tun, damit ihr euer ganzes Leben gut
meistern könnt?“
Und die Stimme in mir sprach weiter: „Ihr merkt doch, dass sich alles um euch herum in einer
Schnelligkeit verändert, wie sie noch nie da gewesen ist. Im Kindergarten könnt ihr
verantwortungsvoll gestalten, aber was erwartet die Kinder, wenn sie den größten Übergang in
ihrem Leben vor sich haben? Wenn sie in die Schule kommen? Welchen Lernort wünscht ihr euch
für die Kinder? Wir Sterne stehen schon unzählige Jahre am Himmel, haben alles Gewesene schon
gesehen und wissen sogar, was die Zukunft bringen wird. Die Kinder brauchen heute nötiger denn
je Menschen, die für sie um eine menschengemäße Umgebung kämpfen.
Macht Euch auf den Weg, bleibt mit Euren Gedanken, Fragen und Ideen nicht nur im Kindergarten,
sondern geht den Übergang in die Schule innerlich gemeinsam mit den Kindern und schafft
gemeinsam mit Eltern und der Lehrerschaft einen neuen Lernort für sie.“
So sprach die mittlerweile ziemlich laut gewordenen Sternenstimme beharrlich zu mir.
In dieser Zeit kam ich auf dem Weg zum Kindergarten jeden Morgen an einem leer gewordenen
Schulgebäude ganz in der Nähe unseres Kindergartens vorbei. Und plötzlich kam mir die Idee, dass
hier der Ort sein könnte, an dem eine neue Schule mit neuen Impulsen entstehen und sich
entwickeln könnte.
Eine Schule in der Nähe von Feld, Wald und Flur, mit Streuobstwiesen und viel Platz, wo „die
Menschen fröhlich zusammen arbeiten, singen, tanzen lachen und leben können“.
Jetzt war es an der Zeit, dass ich über meine Ideen mit anderen Menschen sprechen musste.
Kurze Zeit später kam Maike Lübbert auf mich zu und erzählte mir begeistert von einem Vortrag
über das Konzept der Handlungspädagogik in Schulen. Wir kamen darüber ins Gespräch und
merkten, dass wir ähnliche Gedanken und Ideen hatten. Wir waren darüber begeistert, dass
tatsächlich schon ein Konzept in einigen Schulen erprobt wurde, in dem wir unsere Ideen wieder
fanden.
Im Sommer 2018 trafen wir uns zu einem ersten Planungstreffen und machten uns konkreter Gedanken
darüber, wie wir beginnen könnten.
An einem Sommerabend 2018 nahmen wir uns, losgelöst von strukturellen und wirtschaftlichen
Zwängen, zunächst die völlige Freiheit, all das zu sammeln, was wir uns für die Kinder wünschen.
Wir schrieben alle unsere Wünsche, Ideen und Vorstellungen auf Papier. Jetzt war der Zeitpunkt
gekommen, an dem wir unsere Gedanken sichtbar gemacht hatten, damit sie zu Taten werden
konnten. Für mich war es ein ganz besonderer und entscheidender Moment.
Nun konnten wir weitere Menschen ansprechen und sie für unsere Ideen begeistern. Denn für solch
ein großes Vorhaben braucht es viele Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen und
Fähigkeiten. Wir luden Peter Guttenhöfer ein, der mit uns gemeinsam an dem, von ihm begründeten
handlungspädagogischen Konzept, arbeitete. Er begleitete uns eine Weile auf dem Weg in die
Realität und gab uns viele wertvolle Impulse.
Es dauert nicht lange, bis sich der Kreis vergrößerte, und wir uns den Namen
„Schulgründungsinitiative“ gaben. Es bildeten sich verschiedenen Gruppen, die pädagogische,
organisatorische, wirtschaftliche, strukturelle und juristische Themen bearbeiteten. Die „große
visionäre Freiheit“ trugen wir als kostbaren Schatz in uns. Er lenkte und beflügelte und gab uns die
Kraft, uns Schritt für Schritt weiter in der Realität zu verhaften. In allen Bereichen hatten wir es mit
zunehmenden Vorgaben von Außen zu tun. Wir mussten uns auf die Suche nach Lehrern und
Lehrerinnen machen. Wir brauchten eine staatliche Schulgenehmigung, also musste unser Konzept
so geschrieben sein, dass es anerkannt wurde. Wir suchten das passende Schulgelände, also mussten
wir die Gespräche mit den jeweiligen Verantwortlichen suchen. Wir brauchten eine solide, tragfähige
Finanzierung, also mussten wir bestimmte wirtschaftliche Bedingungen akzeptieren.
Je weiter die Zeit voranschritt, desto konkreter wurden alle Vorstellungen:
Wir fanden das passende Grundstück und einen Architekten, der gemeinsam mit uns Pläne für das
zukünftige Schulgebäude entwarf. Die Waldorfschule in Frankfurt stellte uns die passenden
Schulcontainer zur Verfügung, die auf dem Gelände aufgestellt wurden. Das entworfene
Schulkonzept wurde dem Schulamt vorgestellt. Gespräche mit Banken und Stiftungen führten zu
konkreten Finanzierungsgrundlagen. Mit vielen Infoveranstaltungen machten wir auf uns und
unsere Arbeit aufmerksam. Viele Eltern, die nach neuen Schulkonzepten für ihre Kinder suchten,
kamen auf uns zu und meldeten ihre Kinder an.
Nur mit der Lehrersuche kamen wir nicht so recht weiter. Viele Menschen hatten an unserem
Konzept großes Interesse. Sie kamen, stellten sich vor, arbeiteten eine Zeit mit uns zusammen und
verließen uns dann wieder. Es war eine lange Durststrecke für uns. Wir konnten uns vieles
wünschen und planen, aber ohne Lehrer und Lehrerinnen, die den pädagogischen Raum
verantwortlich gestalten und ausfüllen mussten, blieben unsere Planungen teilweise visionär.
Und ganz plötzlich war sie da: Die zukünftige erste Klassenlehrerin! Jetzt kam endlich Land in
Sicht. Mit viel Engagement suchte die Personaldelegation weitere Lehrkräfte, damit ein kleines
Lehrerkollegium nach den Sommerferien 2025 mit den ersten Kindern starten konnte.
Am 23. August 2025 wurden, im Rahmen einer kleinen Einschulungsfeier, die ersten sieben Kinder der
neuen Freien Waldorfschule in Karben eingeschult.
Es war ein ergreifendes Erlebnis.